570 Matten bis zum Ruhm

Richie
Meine Sichtweise

Mein Geist ist leer und glasklar. Langsam hebe ich den rechten Arm, bin erfüllt von Konzentration. Mein Gegenüber wartet auf meine nächste Bewegung, angespannt, aber entschlossen. Ich vollende meine Bewegung schlagartig, indem ich meinen stark gesüßten Espresso leere, bevor Stella noch in ihr Brötchen beißen kann. "Tja... heute geht's rund, hm?" - Kopf nick

40 Jahre Aikido Uni Mainz - 3 Tage Jubiläumslehrgang - 570 Matten... ich trinke vorsichtshalber noch einen Espresso, gieße mir einen dritten wärmend auf meine Hose und würde mir gerne noch einen für unterwegs einpacken. Aber zu spät, wir müssen los, Matte 1 ruft.

An der Halle erwarten mich schon die fleißigen Frühaufsteher-Bienen, deren Tagwerk damit beginnt, die Getränkelieferung sowie das Zubehör (Tische, Bänke, Kühlschrank, Gläser) in Empfang zu nehmen. Mit einem herzlichen "wo bleibst du denn" werde ich in familiärem Ambiente (Verwaltungstrakt des Sportinstituts der Uni Mainz) begrüßt und bekomme als Willkommensgeschenk zwei Bierbänke aufgeschnallt. "Da rüber!"
Offizieller Auftrag 1 des Tages lautet 100 Matten aus einem befreundeten Mainzer Dojo abzuholen, was wir mit einem bewährten Stoßtrupp und in bester A-Team-Manier mit Lieferwagen erledigen. Ich hebe die erste Matte an - kein Zurück mehr.

Stella
Meine Sichtweise

Mein Geist ist leer und ... mein Hirn funktioniert noch nicht richtig, ich bin einfach kein Frühaufsteher. Und sinnlose Kommentare am Morgen gehen garnicht, am besten 'nix schwätze', erstmal 'nen heißen Espresso und eine rauchen. Mentale Gesundheit geht vor. Richie ist schon panikartig aus der Tür gehetzt, da mache ich mich fertig. Unsere Katze versucht natürlich nochmal lautstark Futter zu erflehen, ja ja, jetzt aber schnell, gleich ist Abfahrt. Die Aussicht auf 570 Matten, die aus verschiedensten Teilen vom Sportgelände der Mainzer Uni + dem Mombacher Dojo zusammengesammelt werden müssen, erfüllt mich mit Vorfreude. Sagte ich Vorfreude? Ich bin noch nicht richtig wach. Hilft alles nix, da musst Du jetzt durch sage ich mir, vorsichtshalber noch eine rauchend, man weiß ja nie,auf dem Weg zum Unigelände.

Im Sportrakt steht schon ein kleines hektisches Grüppchen zusammen. "Kennst Du den Weg? Nee, du? Ja, ich find das schon, am besten Du fährst hier bei Bardo mit und ihr fahrt mit PKW". Alles klar - gerade angekommen, zurück zum Auto, schnell jetzt, auf nach Mombach. So langsam kommt der Kreislauf dann auch bei mir in Gang, 100 Matten einladen - is' doch alles easy, geht schneller als gedacht. Abo macht noch paar dokumentarische Fotos während er gleichzeitig eine Matte annimmt, die in den Lieferwagen wandert. Gefühlte 5 Minuten später ist der Wagen bestückt.

Richie
Meine Sichtweise

Yay, endlich läuft's! Die ersten 100 Matten liegen im Eingangsbereich der Sporthalle. Der Rest ist ein Klacks. Noch 470 Matten zu transportieren, größtenteils über eine enge Wendeltreppe, durch Matsch und Nieselregen in absoluter Stille... vor eine Halle, in der zur Zeit noch Sportprüfungen vor einem lärmempfindlichen und angeblich cholerischen Prüfer stattfinden. Es verbreitet sich flüsterleise Partystimmung. Doch bereits Stunden später ist die vorbereitende Arbeit getan und meine Hosenbeine stehen vor Schlamm. Hurra! - Pizza! - Schling! - Weiter! Der eigentliche Mattenaufbau kann beginnen, also gleichzeitig schöne Mattenfläche erzeugen und darauf achten, dass die organischen Beinverkrustungen sich nicht an taktisch ungünstigen Orten ablösen (die Reinigung unserer Stoffplane ist spaßtechnisch vergleichbar mit einer saftigen Wurzelbehandlung). Als dann alles liegt (sogar die minutiös geplante rote "40", die sicher eh keiner bemerkt hat) muss man auch schon ans Umziehen denken, die ersten Gäste sind schon da. In 45 Renatos kommt Minuto! Mein Hirn - Matsch - umziehen. Bis gleich.

Stella
Meine Sichtweise

Ich stehe in der Gymnastikhalle, gerade die einzige ohne Schuhe, und verteile Matten an Bedürftige. Quadrate, von oben betrachtet, eilen die Wendeltreppe runter, Aikidoka kommen wieder hoch, Matten werden unten gesammelt, von anderen weiter in die Spielhalle getragen. Ein kleiner Bienenstock im Hochbetrieb. Ein Blick auf die 7 Stapel zeigt deutlich: sind das jetzt wirklich weniger Matten als noch vor 'ner halben Stunde?! Doch irgendwann dann, tatsächlich, die Gymnastikhalle ist leer. Hurra! - Pizza! - Schling! - Weiter!
Ein kurzes Briefing in der Spielhalle (Persönliche Rekonstruktion):

"Das ist der Mattenplan" (Bunte Zettel machen die Runde). "Wir haben:

Neue Matten, ganz neue Matten, Schlabbermatten, geflickte kaputte Matten, nicht geflickte kaputte Matten, alte grüne Matten, rote Matten, blaue Matten und 2 Sorten Matten aus Mombach.

Den Plan liest man von links nach rechts. Die Plane kommt zuerst, dann die Reihe drunter, dann der Rest. Und los!"

Einige, noch nicht völlig Abgehärtete, schauen sich verwirrt an, der Rest grinst in optimistischer Verzweiflung vor dem anstehenden Chaos. Und wie jedes mal bin ich überrascht wie koordiniert das Gewusel abläuft. Die Vollendung der Matte bekomme ich schon nicht mehr mit, die Kasse muss öffnen, gleich geht's schon los.

 

Richie
Meine Sichtweise

Die Trainingseinheit vergeht wie im Flug. Wir testen die Flexibilität des lokalen Griechen (zunächst kurze Verwirrung beim Personal, sollte diese Horde an Leuten etwa die 20 Leute darstellen, für die Plätze reserviert waren?). Ich erinnere mich an Pulheim 2007, wo Stella und ich am 2. Abend einfach nicht satt zu bekommen waren. Dankbar mache ich mich über die Reste meiner Frau her... also... über die Reste ihres Essens. Noch 2-3 organisatorische Dinge werden im einsetzenden Nahrungsmittelkoma geklärt, dann verabschieden sich die Familien Stopthaler und Lux um heimzuwackeln. Licht aus! Nacht!

Um 11 Uhr geht's wieder los, aber Kassensklaven müssen früher da sein, also aufstehen, Müsliriegel einsaugen und auf zur Halle. Bei Ankunft sind bereits die ersten Frühaufsteher unterwegs und machen sich aufsteh- oder sogar schon trainingsfertig. So langsam füllen sich nach und nach Halle und Matte, eine ansehnliche Gruppe trainiert sich bei Renato vorsorglich die Kalorien des kommenden Buffets weg. Mittagspause, schnell nen kleinen Technikcheck für die Foto- und Videovorführung, scheinbar funktioniert alles. Mittagsschlingen, und weiter geht's. Meister Asai legt los und sorgt dafür, dass abends auch noch der geheimgehaltene Kuchen noch Platz finden wird. Mit geheimem Kalkül überreicht Bardo Meister Asai bereits heute Abend sein Geschenk, einen Beutel mit "Trainings-Würfeln", falls mal 100 Leute mit wenig Planungsaufwand zu beschäftigen sind. Voller Nervosität nutze ich die letzten 10 Minuten auf der Matte um noch ein paar Würfe mit den Import-Uke auszuprobieren, falls diese es denn morgen schaffen zum 2. Kyu anzugreifen. Generalprobe MUSS mies sein, oder? Die drei Mainzer Spackos geben ihre Anmeldungen ab, jetzt hilft nur noch Lachen. Während die Computercrew sich mit dem Beamer rumärgert wird draußen das Buffet eröffnet. Als dann alles klappt, kann man endlich ein in heißem Fett gesottenes Kartoffelstäbchen nagen, und kaum ist der Hunger weg fängt die Präsentation an. Einfach nur geil. Die Lichtschwerter haben sich SOWAS von gelohnt, Stella verbietet mir vorsorglich, dass ich mir spontan auch eins zulege. Ich helfe Tom schnell die Torte reinzuwuchten, so riesig hab ich sie mir nun echt nicht vorgestellt. Große Augen überall, gelungener Abend! Ab in's Bett, morgen Endspurt mit Prüfung. Ich kann nicht einschlafen, ich muss noch schnarch

Geschafft.
Geschafft.

Die erste spannende Frage des Tages: wird Meister Asai würfeln? Ich sehe am Mattenrand einen roten Beutel den ich gut kenne. Mit Liebe selbst genäht! Wir machen uns warm, ich beobachte Meister Asai genau, er geht auf den Beutel zu... und: ich lach mich schlapp! Er LÄSST würfeln! Yokomen uchi shiho nage suwari waza. Ab diesem Zeitpunkt sinkt das Lichtschwert auf meinem Wunschzettel nach unten, "Trainings-Würfel" rücken auf Platz 1 vor. So ein schönes Training, aber dann: es ist 12 Uhr. Nervosität setzt schlagartig ein. Prüfung. Rumms. Prüfung vorbei. Alle bestehen. Jetzt sind Stella und ich also 2. Kyu. 570 Matten abbauen? Kinderspiel! Alles vorbei, wie ging denn das wieder so schnell rum? Nur noch die Resttorte erinnert an die vergangenen 3 Tage, die für uns eher 3 Monate Vorbereitung waren. Toll war's, bekommen wir eine "41" mit roten Matten hin? Ich gehe jetzt erstmal schlafen. Und Dienstag gehen wir eine Stunde früher in die Halle, nach diesem Wochenende reichen 1,5 Stunden Training nicht aus. nachdenk Ob wir alle zum 50jährigen von Bardo eine Einladung bekommen? Wer wird dann wohl Obmensch sein? Hahahaha, ich back ihm/ihr dann 'nen Kuchen...

ThumbUpStella
Geschafft.

...Das hat schon was! Resttorte essend und eine rauchend denk ich grinsend nochmal über die letzten Tage nach und freu mich schon, dass Dienstag wieder Training ist.

 

Text: Richie und Stella Stopthaler
Bilder: aikido-uni-mainz.de
Frühjahr 2010